Project Hail Mary und Der Astronaut: Wie aus einem großartigen Buch ein grandioser Science-Fiction-Film wurde
Es gibt Bücher, die liebt man so sehr, dass eine angekündigte Verfilmung eher Angst als Vorfreude auslöst. Man kennt das ja. Hollywood nimmt eine großartige Geschichte, entfernt genau die Dinge, die sie besonders gemacht haben, besetzt irgendeinen gerade angesagten Schauspieler und wundert sich anschließend, warum die Fans mit Fackeln und Mistgabeln vor dem Studio stehen.

Bei Andy Weirs „Der Astronaut“ ging es mir genauso. Ich liebte das Buch. Und normalerweise weiß man in so einem Fall eigentlich schon: Der Film kann nichts werden.
Tja. Manchmal liegt man zum Glück völlig daneben.

Denn „Project Hail Mary“ hat für mich voll ins Schwarze getroffen. Der Film ist grandios besetzt, audiovisuell ein Schmuckstück und eine echte Science-Fiction-Delikatesse. Ich liebe fast alles daran. Und ich meine das durchaus wörtlich: Ich schaue mir den Film mittlerweile gerne zum Einschlafen an und lasse mich von ihm hinaus zu fernen Welten tragen, während ich langsam wegdämmere und davon träume, welche Geheimnisse dort draußen vielleicht wirklich noch auf uns warten.
Ein Mann, ein Raumschiff und keine Ahnung, was eigentlich los ist
Ryland Grace wacht an Bord eines Raumschiffs auf. Er weiß nicht, wo er ist. Er weiß zunächst nicht einmal, wer er ist. Neben ihm befinden sich zwei tote Menschen, und irgendwo außerhalb der Schiffshülle wartet die unvorstellbare Leere des Weltraums.
Nach und nach kehren seine Erinnerungen zurück.
Grace ist Wissenschaftler und Lehrer. Die Sonne verliert an Energie, und verantwortlich dafür ist eine außerirdische einzellige Lebensform, die von den Menschen Astrophage genannt wird. Wenn keine Lösung gefunden wird, drohen der Erde dramatische Klimaveränderungen und letztlich eine globale Katastrophe.
Die letzte Hoffnung der Menschheit trägt einen ziemlich passenden Namen: Project Hail Mary.
Grace befindet sich rund 11,9 Lichtjahre von der Erde entfernt im Tau-Ceti-System. Dort gibt es eine Besonderheit, die vielleicht den Schlüssel zur Rettung der Menschheit liefern könnte.
Für mich als „Elite Dangerous“-Spieler ist Tau Ceti natürlich beinahe Nachbarschaft. 11,9 Lichtjahre? Dafür fahre ich nicht einmal den Frame Shift Drive richtig warm. Ein Sprung, kurz hupen, System scannen und weiter. Ryland Grace hingegen muss dafür eine interstellare Mission antreten, von der möglicherweise die Zukunft der gesamten Menschheit abhängt. Manche Leute machen es sich aber auch unnötig kompliziert.
Mehr möchte ich an dieser Stelle über die eigentliche Handlung gar nicht verraten. Wer das Buch oder den Film noch nicht kennt, sollte sich einige der schönsten Überraschungen unbedingt selbst gönnen.

Aus einem gescheiterten Roman entstand Der Astronaut
Die Entstehungsgeschichte von „Project Hail Mary“ ist fast genauso interessant wie der Roman selbst.
Andy Weir, den die meisten natürlich als Autor von „Der Marsianer“ kennen, arbeitete nach dessen Erfolg an einem ambitionierten Romanprojekt namens „Zhek“. Darin sollte eine exotische Substanz eine wichtige Rolle spielen, die enorme Mengen Energie speichern kann.
Diese Idee war der Vorläufer des Astrophagen.
Das Problem war nur: Weir bekam die Geschichte nicht zum Funktionieren. Er gab „Zhek“ schließlich auf. Andere Autoren hätten das gesamte Projekt vielleicht in einer digitalen Schublade verschwinden lassen und nie wieder angerührt. Weir rettete jedoch eine der stärksten Ideen aus den Trümmern.
Später begann er mit einer völlig anderen Geschichte: Ein Mann mit Amnesie wacht allein auf einem Raumschiff auf und weiß weder, wer er ist, noch warum er dort ist.
Irgendwann verbanden sich beide Ideen.
Aus dem gescheiterten „Zhek“ und der Geschichte eines einsamen Mannes im All wurde „Project Hail Mary“, 2021 veröffentlicht und in Deutschland unter dem Titel „Der Astronaut“ bekannt.
Ich mag diese Entstehungsgeschichte besonders. Vielleicht gerade deshalb, weil sie zeigt, dass eine gescheiterte Idee nicht zwangsläufig schlecht oder wertlos sein muss. Manchmal funktioniert nur die Geschichte drumherum noch nicht. Und manchmal muss eine gute Idee eine Weile herumliegen, bis sie endlich ihr richtiges Zuhause findet.

Ryland Grace ist kein Mark Watney 2.0
Natürlich drängt sich der Vergleich mit „Der Marsianer“ auf. Hier wie dort haben wir einen intelligenten Mann, der sich mithilfe von Wissenschaft, Experimenten und Improvisation aus scheinbar aussichtslosen Situationen befreien muss.
Doch Ryland Grace ist kein Mark Watney 2.0.
Und genau das ist eine der großen Stärken der Geschichte.
Grace ist komplizierter. Menschlicher. Seine Vergangenheit und seine Motivation besitzen Ecken und Kanten, die erst nach und nach sichtbar werden. Ohne zu spoilern: Die Geschichte stellt eine ausgesprochen interessante Frage darüber, was einen Helden eigentlich ausmacht.
Muss ein Held von Anfang an mutig sein? Muss er freiwillig in die Gefahr gehen? Oder zeigt sich wahrer Mut vielleicht erst dann, wenn jemand Angst hat und trotzdem irgendwann eine Entscheidung trifft?
Ryan Gosling ist für diese Rolle eine fantastische Besetzung. Er schafft es, Graces Humor, seine Intelligenz, seine Unsicherheit und seine Verletzlichkeit glaubwürdig miteinander zu verbinden. Ich hatte beim Schauen nie das Gefühl, einfach nur Ryan Gosling in einem Raumanzug zu sehen. Für mich ist er Ryland Grace.

Sandra Hüller darf die Menschheit retten. Ob die Menschheit will oder nicht.
Eine der stärksten Besetzungsentscheidungen des Films ist für mich Sandra Hüller als Eva Stratt.
Stratt erhält praktisch unbegrenzte internationale Vollmachten, um Project Hail Mary auf die Beine zu stellen. Ihre Aufgabe ist einfach formuliert und nahezu unmöglich umzusetzen: Rette die Menschheit.
Und Stratt ist bereit, dafür sehr weit zu gehen.
Sie ist kompromisslos, pragmatisch und trifft Entscheidungen, bei denen andere Menschen vermutlich erst einmal eine Ethikkommission einberufen würden. Stratt hat für solche Dinge keine Zeit. Die Sonne wird dunkler, die Uhr tickt, und irgendwo muss schließlich noch jemand die Welt retten.
Sandra Hüller spielt diese Frau großartig. Kühl, intelligent und mit einer Präsenz, die keinen Zweifel daran lässt, wer im Raum das Sagen hat. Gleichzeitig ist Stratt keine eindimensionale Bösewichtin. Die Geschichte stellt durch sie eine unangenehme Frage: Wie weit darf ein einzelner Mensch gehen, wenn tatsächlich das Überleben der gesamten Menschheit auf dem Spiel steht?
Die Antwort ist alles andere als einfach.

Die größte Überraschung sollte eine Überraschung bleiben
Es gibt einen Punkt in „Project Hail Mary“, an dem sich die Geschichte verändert. Wer das Buch gelesen oder den Film gesehen hat, weiß ganz genau, wovon ich spreche.
Ich werde diesen Moment hier nicht verraten.
Denn diese Entdeckung gehört für mich zu den Dingen, die man möglichst unvorbereitet erleben sollte. Was daraus entsteht, ist allerdings das Herz der gesamten Geschichte und einer der wichtigsten Gründe dafür, warum ich „Der Astronaut“ so liebe.
Es geht plötzlich um viel mehr als Wissenschaft, Astrophagen und die Rettung der Erde. Es geht um Verständigung. Vertrauen. Freundschaft. Darum, wie zwei völlig unterschiedliche Wesen lernen können, einander zu verstehen, obwohl zwischen ihnen buchstäblich Welten liegen.
Und vielleicht steckt genau darin eine der schönsten Ideen des gesamten Films: Wir müssen nicht gleich aussehen, dieselbe Sprache sprechen oder vom selben Planeten stammen, um füreinander wichtig zu werden.
Mehr sage ich nicht.
Wer es weiß, weiß es.
Wie man etwas Unmögliches für den Film zum Leben erweckt
Hinter den Kulissen wurde erheblicher Aufwand betrieben, um die ungewöhnlichste Figur der Geschichte glaubwürdig auf die Leinwand zu bringen.
Statt sich vollständig auf CGI zu verlassen, wurde am Set eine echte Puppe eingesetzt, die von einem Team aus fünf Puppenspielern bedient wurde. Die endgültige Filmfigur entstand aus einer Mischung praktischer Puppeneffekte und digitaler Animation.
Einer dieser Puppenspieler war James Ortiz.
Ursprünglich sollte Ortiz die Figur am Set bewegen und ihre Dialoge sprechen, damit Ryan Gosling einen echten Spielpartner hatte. Seine Stimme sollte später durch einen anderen Schauspieler ersetzt werden.
Doch dann passierte etwas Wunderbares.
Die Regisseure Phil Lord und Christopher Miller probierten offenbar verschiedene Alternativen aus und stellten fest, dass sie Ortiz' Darstellung schlicht nicht verbessern konnten. Der Puppenspieler, der eigentlich nur als Partner am Set vorgesehen war, wurde schließlich zur endgültigen Stimme einer der wichtigsten Figuren des Films.
Berichten zufolge wurden sogar Meryl Streep und Ray Porter, der Sprecher des englischen Hörbuchs, als mögliche Alternativen ausprobiert.
Am Ende blieb James Ortiz.
Und ich finde, manchmal schreibt Hollywood eben doch noch die richtig guten Geschichten.

Ryan Gosling, seine Töchter und eine außerirdische Diva
Ryan Gosling bezeichnete seinen ungewöhnlichen Filmpartner scherzhaft als „Diva“. Ganz unrecht hatte er damit offenbar nicht, denn fünf Puppenspieler waren nötig, um die Figur am Set zum Leben zu erwecken.
Noch schöner finde ich allerdings eine andere Geschichte von den Dreharbeiten.
Goslings Töchter Esmeralda und Amada besuchten ihn gelegentlich am Set. Dabei durften sie über seinen Ohrhörer die Stimme seines außerirdischen Gegenübers übernehmen und direkt mit ihrem Vater sprechen, während er seine Szenen spielte.
Man stelle sich das einmal vor: Ryan Gosling steht auf dem Set eines Raumschiffs, spielt einen Mann, der Lichtjahre von seiner Heimat entfernt ist, und plötzlich hört er die Stimmen seiner eigenen Kinder im Ohr.
Solche kleinen Geschichten ändern natürlich nichts an der Qualität eines Films. Aber sie machen die Menschen hinter einer Produktion sichtbar. Und vielleicht steckt in manchen Szenen dadurch sogar ein kleines bisschen mehr echte Emotion, als ursprünglich im Drehbuch stand.
Eine erste Filmfassung von fast vier Stunden
Wer glaubt, dass die finale Laufzeit von rund zweieinhalb Stunden bereits ordentlich ist, sollte wissen, dass die erste Schnittfassung ungefähr drei Stunden und 45 Minuten dauerte.
Drei Stunden und 45 Minuten!
Die Regisseure zeigten diese Fassung anderen Filmemachern, und die Reaktion war offenbar ziemlich eindeutig: Das Ding muss kürzer werden.
Sehr viel kürzer.
Phil Lord und Christopher Miller bezeichneten die Situation später sogar als peinlich. Ich persönlich muss allerdings zugeben: Als jemand, der diesen Film gerne immer wieder schaut, würde ich diesen fast vierstündigen Rohschnitt nur zu gerne sehen.
Gebt mir den „Project Hail Mary“-Extended-Cut. Ich bin bereit.

Ein digitaler Film mit einem analogen Zwischenstopp
Auch technisch hat die Produktion ein wunderbar nerdiges Detail zu bieten.
„Project Hail Mary“ wurde digital gedreht, anschließend jedoch auf echtes Filmmaterial übertragen und danach wieder digitalisiert. Dieser ungewöhnliche Umweg sollte dem Film die Wärme und Textur analogen Filmmaterials verleihen.
Und das Ergebnis kann sich sehen lassen.
Audiovisuell ist „Project Hail Mary“ für mich ein Schmuckstück. Die Bilder des Weltraums, das Design der Hail Mary, die Beleuchtung und der Sound ergeben gemeinsam genau jene Atmosphäre, die ich mir von guter Science-Fiction wünsche.
Der Film kann gewaltig sein, ohne ständig laut sein zu müssen. Er lässt der Einsamkeit des Weltraums Raum. Er erlaubt Momente der Stille. Und gerade dadurch wirken die großen Augenblicke umso stärker.
Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich ihn so gerne zum Einschlafen laufen lasse. Das ist keineswegs abwertend gemeint. Ganz im Gegenteil. Ich kenne nur wenige Filme, bei denen ich mich so gerne in die Bilder, Geräusche und die Atmosphäre fallen lasse.
Dann liege ich da, höre den Film und denke an ferne Sterne. An Planeten, die noch nie ein Mensch gesehen hat. An Leben, das vielleicht völlig anders aussieht, als wir es uns vorstellen können.
Und irgendwann schlafe ich ein.
Die Wissenschaft zwischen Realität und wunderbarer Spekulation
Andy Weir ist bekannt dafür, echte Wissenschaft als Fundament seiner Geschichten zu verwenden. Auch „Project Hail Mary“ arbeitet mit realen physikalischen und biologischen Konzepten, erlaubt sich jedoch deutlich größere Freiheiten als „Der Marsianer“.
Der Astrophage ist selbstverständlich erfunden. Eine bekannte Lebensform, die gewaltige Energiemengen speichern und interstellare Distanzen überwinden kann, haben wir bisher nicht gefunden. Leider. Für meine Stromrechnung wäre das durchaus praktisch.
Trotzdem gibt Weir seiner erfundenen Biologie feste Regeln, Grenzen und Bedürfnisse. Der Astrophage ist kein magisches Werkzeug, das plötzlich alles kann, wenn die Handlung es gerade benötigt.
Auch die künstliche Schwerkraft der Hail Mary beruht auf einem realen physikalischen Prinzip. Durch Rotation kann eine Zentrifugalkraft entstehen, die sich für Menschen ähnlich wie Schwerkraft anfühlt.
Bei der Frage nach außerirdischem Leben wird es besonders interessant. Muss Leben zwingend auf Wasser und Kohlenstoff basieren? Könnten unter völlig anderen Umweltbedingungen Lebensformen entstehen, die mit unserer Vorstellung von Biologie kaum etwas gemeinsam haben?
Wir wissen es schlicht nicht.
Und genau dort beginnt für mich die schönste Form von Science-Fiction: an der Grenze zwischen dem, was wir wissen, und dem, was dort draußen vielleicht möglich sein könnte.

Ein Ende, das sich etwas traut
Über das Ende von „Project Hail Mary“ möchte ich nichts verraten. Wirklich gar nichts.
Aber ich möchte sagen, wie sehr ich es liebe.
Der Film entscheidet sich für ein Ende, das mutig ist. Eines, das nicht den bequemsten oder offensichtlichsten Weg nimmt. Und gerade deshalb fühlt es sich für mich so richtig an.
Es respektiert die Reise, die Ryland Grace hinter sich hat. Es respektiert seine Entwicklung und die Beziehungen, die während dieser unglaublichen Geschichte entstanden sind. Vor allem aber hat das Ende etwas, das vielen großen Hollywoodproduktionen fehlt: den Mut, eine Geschichte dort enden zu lassen, wo ihr emotionales Herz sie hinführt.
Ich hätte mir kein besseres Ende gewünscht.
Eine Verfilmung, vor der ich Angst hatte und die ich jetzt liebe
Wenn man ein Buch liebt, ist eine Verfilmung immer ein Risiko. Man hat Bilder im Kopf, Stimmen, Vorstellungen von Figuren und Orten. Und dann kommt Hollywood und sagt: Keine Sorge, wir kümmern uns darum.
Ein Satz, bei dem Buchfans traditionell nervös werden dürfen.
Bei „Project Hail Mary“ war meine Sorge unbegründet.
Natürlich musste der Film kürzen. Wissenschaftliche Erklärungen wurden reduziert, Figuren verändert oder gestrichen und manche Szenen aus dem Roman haben es nicht auf die Leinwand geschafft. Sogar die nukleare Sprengung der Antarktis wurde geopfert. Ja, wirklich. Manchmal ist Hollywood einfach grausam.
Doch für mich hat die Verfilmung das Entscheidende bewahrt: das Herz der Geschichte.
Ryan Gosling ist ein großartiger Ryland Grace. Sandra Hüller ist eine fantastische Eva Stratt. Die Inszenierung ist wunderschön, die Musik und der Sound tragen mich hinaus zwischen die Sterne, und das emotionale Zentrum der Geschichte funktioniert genauso, wie ich es mir erhofft hatte.
Ich liebte das Buch. Und normalerweise weiß man dann schon, dass der Film eigentlich nichts werden kann.
Dieses Mal haben sie voll ins Schwarze getroffen.
Und so läuft „Project Hail Mary“ bei mir immer wieder, manchmal ganz bewusst von Anfang bis Ende, manchmal als Begleiter auf dem Weg in den Schlaf. Dann schließe ich irgendwann die Augen und lasse mich 11,9 Lichtjahre weit nach Tau Ceti tragen.
Wobei ich als Elite-Commander natürlich weiterhin darauf bestehe: Mit einem vernünftigen Frame Shift Drive wäre Ryland Grace sehr viel schneller wieder zu Hause gewesen.
Aber dann hätten wir vermutlich auch nicht diese wunderbare Geschichte bekommen.