The Running Man: Mehr als nur ein Remake
Ich gebe es zu: Ich hatte bei The Running Man ein ziemlich schlechtes Gefühl.
Eine Neuverfilmung eines Films, der für viele untrennbar mit Arnold Schwarzenegger verbunden ist? Dazu noch Edgar Wright, Stephen King und eine Geschichte, die inzwischen fast vier Jahrzehnte auf dem Buckel hat? Das konnte eigentlich nur in eine von zwei Richtungen gehen: Entweder wir bekommen einen überflüssigen Aufguss des Originals oder einen Film, der unbedingt beweisen möchte, wie viel schlauer er als sein Vorgänger ist.
Und dann kam der Film.
Und ich lag komplett daneben.

Ich hatte tatsächlich richtig Spaß mit The Running Man. Die Neuinterpretation hat mich überrascht und meiner Meinung nach erstaunlich gut funktioniert. Sie versucht gar nicht erst, den Schwarzenegger-Film einfach nachzubauen. Stattdessen nimmt Edgar Wright Stephen Kings ursprüngliche Geschichte wieder deutlich ernster und macht daraus seinen eigenen Running Man.
Und genau das war wahrscheinlich die richtige Entscheidung.

Erst einmal: Das ist eigentlich gar kein Remake des Schwarzenegger-Films
Das ist ein wichtiger Punkt, denn der neue Running Man wird gerne als Remake des Films von 1987 bezeichnet. Edgar Wright selbst sieht das anders. Für ihn handelt es sich um eine neue Verfilmung von Stephen Kings Roman Menschenjagd, während der Schwarzenegger-Film nur sehr lose auf diesem Buch basiert.
Und wenn man beide Filme miteinander vergleicht, merkt man das sehr schnell.
Der Running Man von 1987 ist vor allem ein Arnold-Schwarzenegger-Actionfilm. Ben Richards ist dort ein ehemaliger Polizist, der sich weigert, auf Zivilisten zu schießen, daraufhin hereingelegt wird und schließlich in der brutalen Gameshow landet. Die eigentliche Jagd findet in einem abgeschotteten Spielgebiet statt.

Der neue Film geht einen völlig anderen Weg.
Glen Powells Ben Richards ist kein Supercop und kein unaufhaltsamer Muskelberg. Er ist ein ganz normaler Mann, der versucht, seine Familie über Wasser zu halten. Seine Tochter ist krank und benötigt dringend medizinische Hilfe. Richards meldet sich deshalb freiwillig für eine Show, bei der er 30 Tage lang überleben muss, während professionelle Jäger und schließlich praktisch die ganze Bevölkerung hinter ihm her sind. Überlebt er, winkt eine Milliarde Dollar.
Das ist viel näher an Stephen Kings Roman.
Und plötzlich wird auch klar, warum eine Neuverfilmung überhaupt Sinn ergeben kann.
Denn der 1987er-Film und der Roman erzählen zwar dieselbe Grundidee, aber eigentlich völlig unterschiedliche Geschichten. Wright wollte genau diese andere Geschichte auf die Leinwand bringen.
Arnold hatte Muskeln. Glen Powell hat ein ganz anderes Problem
Der Unterschied zwischen den beiden Ben Richards könnte kaum größer sein.
Arnolds Richards ist eine klassische Actionfilm-Figur der 80er. Er ist stark, selbstbewusst und verteilt irgendwann One-Liner, während um ihn herum Menschen explodieren. Der Film weiß genau, was er sein möchte: überdrehtes Actionkino mit einer gehörigen Portion Satire.
Und ich liebe diesen Film dafür.

Allein Richard Dawson als Damon Killian, Jesse Ventura als Captain Freedom, Dynamo, Buzzsaw oder Subzero sind Figuren, die man so heute wahrscheinlich gar nicht mehr erfinden würde.
Der neue Ben Richards funktioniert dagegen gerade deshalb, weil er zunächst ziemlich gewöhnlich wirkt.
Er will kein Held sein.
Er will seine Familie retten.
Und genau dadurch bekommt seine Entwicklung eine andere Wirkung. Aus einem Mann, der eigentlich nur Geld für seine Familie verdienen möchte, wird langsam eine Figur, die das gesamte System bedroht.
Glen Powell trägt diesen Film dabei erstaunlich souverän. Und genau hier hatte ich vermutlich meine größten Zweifel.
Ich hatte einfach nicht erwartet, dass mir diese Version von Ben Richards so gut gefallen würde.

Die Medienlandschaft ist inzwischen selbst zum Running Man geworden
Das wirklich Interessante an The Running Man ist allerdings gar nicht die Frage, welcher Film besser ist.
Es ist die Frage, warum die Geschichte heute plötzlich so verdammt vertraut wirkt.
Stephen King schrieb seinen Roman Anfang der 1980er-Jahre und setzte die Handlung auf das Jahr 2025. Damals musste dieses Datum wie eine weit entfernte Zukunft wirken. Heute ist 2025 bereits vorbei.
Und während Kings Welt damals noch wie eine dystopische Übertreibung wirkte, haben wir inzwischen Reality-TV, Influencer, Livestreams, algorithmische Empörung, virale Videos, Deepfakes und Menschen, die ihr komplettes Leben vor laufenden Kameras präsentieren.
Der neue Running Man muss deshalb gar nicht mehr besonders weit in die Zukunft schauen.
Er schaut einfach auf uns.

Die Show macht aus Ben Richards ein Produkt. Die Medien bestimmen, wie die Öffentlichkeit ihn wahrnimmt. Manipulierte Bilder und Videos können seine Geschichte verändern. Und die Zuschauer konsumieren das Ganze als Unterhaltung.
Das ist eine ziemlich unangenehme Idee.
Denn der Film fragt letztlich: Was passiert, wenn das Leid eines Menschen nicht mehr als Tragödie wahrgenommen wird, sondern als Content?
Genau hier ist die Neuverfilmung wesentlich näher an unserer Gegenwart als der 1987er-Film. Kritiker haben ebenfalls hervorgehoben, wie stark der neue Film Themen wie wirtschaftliche Ungleichheit, mediale Manipulation und die Vermischung von Unterhaltung und Kontrolle aufgreift.
Und natürlich kann man darin unsere heutige Medienwelt wiedererkennen.
Man muss sich nur einmal anschauen, wie schnell Menschen online zu Helden oder Bösewichten gemacht werden. Ein Videoausschnitt reicht. Ein manipuliertes Bild reicht. Ein Satz aus dem Zusammenhang gerissen reicht.
Der Algorithmus entscheidet, wer gerade geliebt und wer gerade gehasst wird.
Der Running Man macht daraus einfach eine Gameshow.

Der Unterschied zwischen 1987 und 2025
Der alte Film war eine groteske Übertreibung der Fernsehwelt.
Der neue Film ist eine groteske Übertreibung unserer Medienwelt.
Das macht einen gewaltigen Unterschied.
1987 war das Fernsehen das Machtinstrument. Heute ist die Medienlandschaft wesentlich größer und gleichzeitig viel persönlicher geworden. Wir konsumieren Nachrichten, Unterhaltung und politische Inhalte auf demselben Smartphone. Wir können innerhalb von Sekunden vom Nachrichtenvideo zum Influencer und anschließend zum Livestream wechseln.
Der neue Running Man greift genau diese Entwicklung auf.
Und trotzdem bleibt er ein Actionfilm.
Das finde ich wichtig.
Denn manche Kritiken werfen dem Film vor, dass seine gesellschaftliche Satire nicht tief genug gehe. Das kann ich nachvollziehen.
Aber ehrlich gesagt stört mich das kaum.
Ich wollte keine zweieinhalbstündige Vorlesung über Medienkritik.
Ich wollte The Running Man sehen.
Und den habe ich bekommen.

Und dann sind da noch die kleinen Grüße an Arnold
Wer das Original kennt, wird beim neuen Film immer wieder kleine Augenblicke entdecken, bei denen man sich denkt: „Moment mal …“
Edgar Wright hat diese Verweise bewusst eingebaut.
Der offensichtlichste ist gleichzeitig einer meiner liebsten: Auf den Geldscheinen dieser Welt prangt das Gesicht von Arnold Schwarzenegger. Wright bestätigte selbst, dass das als direkte Hommage an den alten Film gedacht war. In der alternativen Zukunft des Films ist Arnold sogar Teil der politischen Geschichte dieser Welt geworden.
Das ist herrlich absurd.
Arnold ist also nicht einfach irgendwo als Cameo hineingeschoben worden. Stattdessen ist sein Gesicht buchstäblich Teil dieser Welt.
Und dann gibt es noch die Cheerleader.

Sie gehören nicht zu Kings Roman, wurden aber bewusst als Verbeugung vor der 1987er-Verfilmung und deren berühmter Gameshow-Inszenierung eingebaut. Wright bestätigte ebenfalls, dass diese Szene ausdrücklich als Hommage gedacht war.
Wer das Original kennt, wird solche Momente deshalb ganz anders wahrnehmen als jemand, der den alten Film nie gesehen hat.
Auch die Inszenierung der Gameshow selbst spielt mit dieser Erinnerung. Der neue Film hat zwar einen deutlich anderen Ton, lässt aber immer wieder etwas von diesem überdrehten Fernsehzirkus des Originals durchscheinen.
Und dann gibt es noch einen kleinen Total Recall-Gruß: Ein Fahrzeug im Film erinnert auffällig an das berühmte Johnny Cab aus Schwarzeneggers Total Recall. Ob man das als direkten Edgar-Wright-Verweis oder einfach als liebevollen Produktionswitz betrachtet, ist dabei fast egal. Wer Arnolds Science-Fiction-Filme kennt, dürfte zumindest kurz grinsen.

Und genau hier musste ich an Total Recall denken
Das bringt mich zu einem anderen Film, bei dem ich eine ganz ähnliche Erfahrung gemacht habe: Total Recall von 2012.
Auch bei dieser Neuverfilmung war ich damals ziemlich skeptisch.
Und trotzdem hat sie mir gefallen.
Nicht, weil sie das Original mit Arnold Schwarzenegger ersetzen würde.
Das kann sie gar nicht.
Aber weil sie ihren eigenen Film daraus gemacht hat.
Genau so sehe ich inzwischen auch The Running Man.
Ich glaube, mein Trick bei solchen Filmen ist mittlerweile ziemlich simpel:
Ich nehme sie so, wie sie sind.

Ich versuche nicht ständig darüber nachzudenken, ob Szene X logisch genug ist. Ich vergleiche nicht jede Minute mit dem Original. Ich suche nicht nach jedem Fehler in der Welt. Und ich erwarte auch nicht, dass eine Neuverfilmung genau das Gefühl erzeugt, das ich vor fast einer Ewigkeit bei einem anderen Film hatte.
Denn wenn man Filme auf diese Weise zu Tode analysiert, bleibt irgendwann von einem Kinobesuch nicht mehr viel übrig.
Man kann natürlich darüber diskutieren, ob der neue Running Man seine gesellschaftlichen Themen konsequent genug verfolgt. Man kann über das Ende diskutieren. Man kann die Unterschiede zum Roman auseinandernehmen. Man kann darüber streiten, ob Arnold oder Glen Powell der bessere Ben Richards ist.
Alles völlig legitim.
Aber manchmal möchte ich einfach einen Film sehen, bei dem ich zwei Stunden lang Spaß habe.
Und genau das hatte ich.
Zwei Running Men, zwei völlig unterschiedliche Filme
Der Schwarzenegger-Film ist für mich inzwischen ein Stück herrlich überdrehtes 80er-Jahre-Kino.
Bunte Kulissen. Absurde Killer. One-Liner. Richard Dawson. Arnold. Eine Gameshow, die vollkommen eskaliert.
Der neue Film ist moderner, düsterer und näher an Stephen Kings ursprünglicher Idee. Er macht aus The Running Man einen Film über wirtschaftliche Verzweiflung, mediale Manipulation und die Frage, wie weit Menschen gehen, wenn Unterhaltung wichtiger wird als Empathie.

Und trotzdem haben beide Filme etwas gemeinsam:
Sie machen Spaß.
Nur auf unterschiedliche Weise.
Der eine ist die große Action-Sause der 80er.
Der andere ist eine moderne Jagd durch eine Welt, die manchmal unangenehm nah an unserer eigenen liegt.
Und vielleicht ist genau das die beste Art, mit Neuverfilmungen umzugehen.
Sie müssen das Original nicht zerstören, um selbst gut zu sein.
Der neue Running Man nimmt mir meinen Arnold-Film nicht weg. Der steht weiterhin da, wo er hingehört.
Aber Glen Powell darf daneben stehen.
Und das hätte ich vor dem Film ehrlich gesagt nicht erwartet.
Ich bin mit dem Gedanken hineingegangen: „Das kann nichts werden.“
Ich bin herausgekommen und dachte:
„Verdammt, hat das Spaß gemacht.“
Und manchmal ist genau das alles, was ein guter Science-Fiction-Actionfilm leisten muss.
Großartiges Popcorn-Kino.